Wer heute ein WM-Eröffnungsspiel einschaltet, erwartet eine fette Show, Emotionen und Tore. Doch das war nicht immer so. Die Geschichte der offiziellen Turnierstarts ist voll von absurden Momenten, torlosem Promi-Besuch und geschichtsträchtigen Pleiten. Ein Rückblick auf eine Zeitreise, die vor 60 Jahren begann.

Aller Anfang ist... torlos

Der Startschuss für das offizielle Eröffnungsspiel fiel 1966 in England. Vorher gab es so etwas schlichtweg nicht: 1962 in Chile starteten beispielsweise noch vier Partien komplett zeitgleich. Die Premiere im Londoner Wembley-Stadion war immerhin royal: Keine Geringere als Queen Elizabeth II. begrüßte die Teams aus England und Uruguay per Handschlag. Tore sahen die Fans beim 0:0 allerdings nicht. Der wahre Held des Tages saß in der Ehrenloge: Pickles, der Hund, der den zuvor gestohlenen WM-Pokal im Gebüsch erschnüffelt hatte.

Der Torfluch zog sich weiter. 1970 in Mexiko quälten sich die Sowjetunion und der Gastgeber bei 40 Grad im Schatten zu einem weiteren 0:0. Immerhin gab es eine historische Premiere: Der Schiedsrichter zückte die allererste Gelbe Karte der WM-Geschichte. 1974 durfte dann erstmals der amtierende Weltmeister das Turnier eröffnen. Doch Brasilien enttäuschte gegen Jugoslawien auf ganzer Linie - wieder 0:0. Statt Action auf dem Platz blieben nur die Maskottchen Tip und Tap sowie eine lokale Trachtengruppe in Erinnerung.

Auch 1978 machte es nicht mehr Spaß. Die deutsche Nationalmannschaft, untergebracht in der argentinischen Provinz ohne Nachtleben oder Ablenkung, trennte sich von Polen - dreimal dürft ihr raten - 0:0. "Es gab nur Franz Lambert und seine Orgel", erinnerte sich Bernd Hölzenbein später.

Der Bann ist gebrochen: Sensationen und Torreigen

Es dauerte sage und schreibe 16 Jahre, bis im Eröffnungsspiel das erste Tor fiel. Am 13. Juni 1982 erlöste der Belgier Erwin Vandenbergh die Fußballwelt im Nou Camp von Barcelona. Mit seinem Treffer zum 1:0-Sieg verdarb er gleichzeitig Argentiniens Wunderkind Diego Maradona das WM-Debüt.

Ab den 90er-Jahren wurden die Eröffnungsspiele dann richtig wild. 1990 in Italien schockte Kamerun den Weltmeister Argentinien. Die "Unzähmbaren Löwen" sangen die Südamerikaner schon beim Warmmachen in den Katakomben in Grund und Boden und schossen sich später in Unterzahl zum legendären 1:0-Sieg.

Den absoluten Entertainment-Höhepunkt erlebten die Fans im Jahr 2006 beim "Sommermärchen" in Deutschland. Das 4:2 gegen Costa Rica bot sechs Tore - mehr als in allen Eröffnungsspielen bis 1994 zusammen. Philipp Lahms Traumtor in den Winkel setzte den perfekten Startschuss für einen unvergesslichen Sommer.

Rekorde, Eigentore und ein historisches Fiasko

Dass ein Eröffnungsspiel auch nach hinten losgehen kann, zeigte sich 2014 in Brasilien. Ausgerechnet der Gastgeber fabrizierte durch Marcelo das erste Eigentor eines Eröffnungsspiels. Brasilien gewann zwar noch 3:1 gegen Kroatien, doch das Turnier endete bekanntlich im historischen 1:7-Halbfinal-Trauma gegen Deutschland.

Den Rekord für den höchsten Sieg hält Russland. Getreu dem Motto des Eröffnungssängers Robbie Williams ("Let me entertain you") fegte der Gastgeber Saudi-Arabien 2018 mit 5:0 aus dem Stadion.

Das krasse Gegenteil folgte 2022 in Katar. Das umstrittene Turnier ging direkt historisch los, allerdings negativ: Zum ersten Mal überhaupt verlor ein Gastgeber das Eröffnungsspiel (0:2 gegen Ecuador). Weil die Ränge zur zweiten Halbzeit schon fast leer gefegt waren, schrieb die Presse nur noch von einem "Fiasko als Ouvertüre". Man darf gespannt sein, welche Geschichten das nächste Eröffnungsspiel schreibt!